Wann ist Verdrängen falsch? Wann richtig?

Als Reaktion auf den Artikel „Warum Verdrängen manchmal die beste Option ist“ wurde ich persönlich und per Mail mehrfach angefragt, ob ich Verdrängen wirklich die beste Lösung finde?
Meine Antwort ist definitiv nein! Trotzdem stimmt das im Artikel beschriebene auch zu 100%!
Wann ist denn nun verdrängen gut und wann nicht???

Hier ein Beispiel:
Vor drei Wochen hatte ich eine Frau im Coaching, die nicht nur Flugangst entwickelt hatte, sondern auch unfähig wurde, Auto zu fahren. Es ging wenn überhaupt nur mit ihrem eigenen Auto, auf langsamen Strassen, an gut bekannten Orten, KEINESFALLS in der Stadt und NIEMALS auf der Autobahn und NICHT mit einem fremden Wagen. Bereits ein Autobahnschild verursachte Panik oder sie brach in Tränen aus.
Eines der Muster, die ihre Angst aufrechterhielt: Gedanken an Unfälle VERDRÄNGEN! WEGSCHAUEN! Angst VERDRÄNGEN!

Als wir übers Fliegen sprachen, fiel mir auch auf, dass sie früher als sie geflogen war bei den obligaten Sicherheitshinweisen (Schwimmweste, Sauerstoff usw.) IMMER wegschaute, sich abzulenken versuchte mit der Absicht, ja keine schlimmen Gedanken zu haben.

Als ich ihr im Coachingprozess bei der Vorstellung eines zukünftigen Fluges zu den Sicherheitshinweisen sagte, sie solle nun mal genau hinschauen, brach sie sofort in Tränen aus! Obwohl alles nur in ihrer Vorstellung geschah!
VERDRÄNGEN, so wie sie es lange praktiziert hatte, hielt die Angst definitiv aufrecht und hatte sie mit der Zeit immer mehr verstärkt!

Warum?
Weil unser Gehirn, um mit aller Kraft etwas zu verdrängen, auch an das zu verdrängende Objekt denken muss, und deshalb die „Verdrahtung“ der Neuronen noch umso stärker wird! So wird die Reiz-Reaktion Flugzeug-Panik oder Autobahn-Panik nur verstärkt!
Meine Klientin wollte beim Autofahren jeweils um jeden Preis Gedanken an einen Unfall vermeiden und verursachte dadurch mit der Zeit eine Art Zwang, doch daran denken zu MÜSSEN, der sie völlig überforderte!

Ich setzte sie nach 4h. intensivem Coaching in mein für sie fremdes Auto, an einem für sie völlig fremden Ort 100km. von ihrem Zuhause entfernt und sagte zu ihr betont provokativ: „Nun möchte ich, dass Sie mein Auto mal zu Schrott fahren!“ Sie musste lachen…“Nein ehrlich, ich bin gut versichert und wenn Sie nun mal bewusst einen Unfall bauen würden, das wäre OK, solange wir hier im Quartier noch langsam fahren…“ Sie traute ihren Ohren nicht und lachte wieder…und als sie losfuhr doppelte ich nach: „OK, Sie dürfen nun mit 30km/h seitlich in diese Mauer dort krachen. Was denken Sie, welcher meiner 9 Airbags würde wohl aufgehen?“ Verwirrt schaute sie mich wieder an und lachte noch mehr…

Warum veranstaltete ich so ein Theater?

Ich musste zuerst die Angst vor Unfall-GEDANKEN in ihr aufbrechen und dieses Verdrängungsmuster verändern. Meine Konfrontation und ihr Lachen war dabei die viel effizientere Methode als wenn wir emotionslos auf dem Sofa darüber gesprochen hätten.
Erst danach konnten wir beginnen, Vertrauen aufzubauen!
Nach unserer erfolgreichen eineinhalbstündigen Fahrt stiegen wir in Belp in eine 4 plätzige Cessna und absolvierten einen Rundflug. Auch dieser gelang ihr nun problemlos.
Es gibt nicht vieles Schöneres als zuzusehen, wie Menschen ihre Blockaden und Ängste überwinden und einen Durchbruch schaffen. Das ist für den Betroffenen und für mich selbst immer ein unglaubliches Gefühl.
Das Verändern ihres Verdrängungsmusters, zusammen mit zwei anderen wichtigen Denk- und Verhaltensänderungen die ich hier nicht im Detail erörtere, hatte sie innerlich befreit und ihr ermöglicht, sich wieder aufs Fliegen und Autofahren einzulassen!

Wann ist denn nun aber Verdrängen die richtige Lösung???
Antwort: Wenn es automatisch geschieht, ohne Kraftanstrengung, weil man vielleicht abgelenkt wird und von komplett anderen Dingen absorbiert wird und es im Nachhinein zu keinen funktionellen Störungen kommt. Oder wenn die Person die Situation selbst bereits verarbeitet hat, wie auch immer dies geschehen ist.
Wir sollten unsere psychologischen Selbstheilungskräfte auch nicht unterschätzen! Die traumatische Situation wird dann unter Umständen im Gehirn gar nicht so verdrahtet, dass sie zu Problemen führt!

Wenn nun Personen, auch Psychologen, die Person dazu drängen darüber zu sprechen, kann dies kontraproduktiv wirken. DESHALB die unbedingte Empfehlung der WHO, nicht generell eine Traumabewältigungstherapie durchzuführen mit allen Tsunami Opfern!

Fazit:
1. Erst wenn eine übertriebene Reaktion da ist, die ein funktionierendes zufriedenes Leben verhindert, sollten Interventionen erfolgen!

2. Aktives mühevolles Verdrängen ist kontraproduktiv und verstärkt das Problem!

3. Sich auf eine RESSOURCEVOLLE Art mit einem Trauma beschäftigen hilft weiter. Grübeln oder emotional wiedererleben können es jedoch verstärken!

Ich hoffe, mit diesen Erläuterungen etwas mehr Klarheit ins Thema gebracht zu haben und wünsche Ihnen ein erfülltes Leben, frei von beeinträchtigenden Ängsten oder Zwängen.

Flugfreudige Grüsse
Samuel Clemann

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